Kinder lernen schon im Vorschulalter die richtige Stiftführung

Was wir über die frühkindliche Entwicklung der Graphomotorik wissen sollten

Schreiben will gelernt sein - Und das von Anfang an! Zum Schreiben gehört eine Vielzahl von Fähigkeiten, die neben der richtigen Stifthaltung und einem adäquaten Fingerdruck auch das Kennenlernen der eigenen Handpräferenz erfordert. Wie sich die Schreibmotorik im Laufe der Jahre entwickelt und wie Sie Ihr Kind bei dem Erwerb der eigenen Handschrift unterstützen können, zeigen wir in diesem Artikel.

Die Schreibkompetenz - eine Kompetenz mit vielen Facetten

Während einige Kinder zum Wechsel in die Grundschule schon ihren eigenen Namen sowie den der anderen Familienmitglieder schreiben können, tun sich andere Kinder schwer, gar alle 24 Buchstaben des Alphabets zu benennen. Um diese Differenz auszugleichen, ist es wichtig, die feinmotorischen Schreibkompetenzen der Kinder bestenfalls bereits im Vorschulalter auszubilden. Worin besteht aber überhaupt die sogenannte Schreibkompetenz? Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass beim Schreiben eine Kombination vieler verschiedener Fähigkeiten notwendig ist. 

Die Feinmotorik

Unter der Feinmotorik versteht man präzise, differenzierte und koordinierte Bewegungsabläufe, bei denen kleinste Muskel, wie z.B. in den Fingern oder Händen, gezielt eingesetzt werden, um beispielsweise Gegenstände zwischen den Daumen und den Zeigefinger zu nehmen (der sog. “Pinzettengriff”)  wie es beim Schreiben der Fall ist. Gerade bei der Handgeschicklichkeit kommt es einerseits auf die Hand- und Fingerkraft, andererseits aber  auch auf die visomotorische Koordination, d.h. auf die Augen-Hand-Koordination. „Kinder müssen lernen, mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke präzise zu koordinieren, um die erforderliche Motorik zu entwickeln, damit sie das ‚Präzisionswerkzeug‘ Stift führen können“, fasst Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts aus Heroldsberg zusammen. Eine ganz schöne Leistung, wenn man bedenkt, wie viele Faktoren hier exakt zusammenspielen müssen, um einen einzigen sichtbaren Prozess mit den Fingern auszuführen.

Die Graphomotorik 

Die Graphomotorik bezieht sich speziell auf die differenzierte und rhythmische Produktion von Grafiken oder Zeichen, unabhängig davon, ob es sich hier um das Malen oder das Schreiben handelt. Die Grafomotorik beginnt mit etwa 18 Monaten und dauert bis zur Schule an. Sie umfasst sowohl die Haltetechnik des Schreib- oder Malgeräts als auch die Führtechnik mit der eigenen Hand. Voraussetzung für die Graphomotorik ist die Feinmotorik, denn erst, wenn das Kind den Stift halten kann, kann es ihn auch gezielt einsetzen. Während die Kinder bis zum zweiten Lebensjahr den Stift eher mit der ganzen Hand halten und unwillkürliches Kritzeln verursachen, kristallisiert sich mit zwei Jahren schon heraus, welche Haltehand das Kind präferiert. Es werden bereits horizontale, vertikale und kreisförmige Linien anhand des Drei- bzw. Vier-Punkte-Griffs produziert. Ein Jahr später dann können diese Linien bereits kopiert und so angeordnet werden, dass erste Gesichter entstehen. 

Im vierten und fünften Lebensjahr dann erfolgt der Drei-Punkt-Griff bereits mit den Fingerspitzen von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger und es können nun auch diagonale Linien und Quadrate gezeichnet werden. Auch einige Zahlen- und Buchstabenformen können bereits in diesem Alter produziert werden. Im Bereich des Malens können hier schon begrenzte Räume ausgemalt werden, ohne die Grenzlinien zu überschreiten. Im fünften und sechsten Lebensjahr dann kann der Stift mit einer gleichen Druckdosierung aller drei Finger gehalten und benutzt werden. Für das Kind  wird es möglich, bereits ein Dreieck zu kreieren und die meisten Kinder können schon ihren eigenen Namen anhand von Großbuchstaben schreiben. Ebenso ist das Schreiben in Begrenzungen möglich, genauso wie das Nachmalen auf einer einzigen Linie. Ab dem siebten Lebensjahr dann bildet sich eine immer flüssigere Schriftbewegung aus und das individuelle Schriftbild wird nach und nach ausgeprägt. 

Die Schreibmotorik

Die Schreibmotorik ist bereits ein komplexer und dynamischer Bewegungsablauf, der auf einer vorher gelernten Bewegung basiert und nahezu automatisch erfolgen kann. Dabei werden im Gehirn abgespeicherte ganzheitliche Bewegungsmuster abgerufen und in eine flüssige Handschrift umgesetzt. Kriterien wie ein gleichmäßiger Schreibrhythmus, eine hohe Schreibgeschwindigkeit und ein angemessener niedriger Schreibdruck spielen hier eine wichtige Rolle, um den Einsatz des Schreibwerkzeuges so ökonomisch und effizient wie möglich zu gestalten. So können die Kinder die motorischen Abläufe mehr und mehr unbewusst ausführen, sodass eine Konzentration auf den Inhalt des geschriebenen Textes immer besser möglich wird.

Schwierigkeiten, die beim Schreiben auftreten können

Während gut trainierte Kinder gerne und oft zum Mal- oder Schreibstift greifen, fällt es manch anderen Kindern unheimlich schwer, etwas mit einem Pinsel oder Stift zu kreieren. Dem können unterschiedliche Ursachen zu Grunde liegen. Eine ungünstige Stifthaltung kann dazu führen, dass die Kinder zu viel oder zu wenig Druck auf die einzelnen Fingerglieder ausüben, sodass es zu Verkrampfungen in der Handmuskulatur kommen kann. Neben physiologischen Schmerzen im Handbereich, kann es außerdem auch zu Rückenbeschwerden und Müdigkeit durch eine verspannte Sitz- und Schreibhaltung kommen. Wiederholt negative Erfahrungen führen wiederum zu einem Vermeidungshalten, sodass es zu einem Motivationsverlust seitens des Kindes kommen kann.

Was sagt die Statistik hierzu?

Und diese Probleme zeigen sich auch in der Statistik. Bei einer Umfrage, die vom Schreibmotorik Institut in Heroldsberg zusammen mit dem Deutschen Lehrerverband im Jahr 2015 durchgeführt wurde, gaben 83 % der befragten GrundschullehrerInnen an, dass sie den Eindruck haben, dass die Fähigkeiten der Kinder für die Entwicklung der eigenen Handschrift stets abnehmen würden. Auch die Mehrheit der LehrerInnen an weiterführenden Schulen beklagte eine zunehmende Verschlechterung der Schreibmotorik ihrer Schüler. Vier Jahre später sah das Ergebnis einer neuen Umfrage leider noch schlechter aus: Im Jahr 2019 wurden wieder 2000  PädagogInnen aus unterschiedlichen Schulformen von dem Schreibmotorik Institut in Heroldsberg befragt, diesmal aber zusammen mit dem Verband Bildung und Erziehung. Und auch hier gaben 89 % der Grundschullehrkräfte an, dass die Schreibmotorik ihrer Schüler sich verschlechtert habe und auch 79 % der LehrerInnen an weiterführenden Schulen sind der Meinung, dass sich die Handschrift ihrer SchülerInnen schlecht entwickelt. 

Was sind die Gründe für eine Verschlechterung der Handschrift?

In den Gründen sehen die Lehrkräfte vor allem die mangelnde Ausprägung der Feinmotorik wie auch die fehlende Übung zu Hause. Das Resultat ist erschreckend. Nicht nur, dass die LehrerInnen die Texte ihrer SchülerInnen immer schlechter entziffern können, auch die SchülerInnen leiden unter diesem Phänomen. Viele können nicht länger als 30 Minuten lang beschwerdefrei mit einer Hand schreiben. Und auch wenn die Bewegungsabläufe nicht so geübt wurden, dass sie sie automatisch abrufen können, führt dies dazu, dass sich die SchülerInnen auch in der weiterführenden Schule immer noch auf die Formbildung der Buchstaben konzentrieren müssen und damit keine Kapazitäten für Rechtschreibung oder Grammatik übrig sind. Dies bestätigt auch die Gesamtschullehrerin Maria-Anna Schulze Brüning, die seit mehr als 25 Jahren Französisch und Kunst in Hamm unterrichtet: “Ich sehe immer wieder Fünftklässler, die zum Beispiel das K von unten nach oben schreiben oder sich Buchstabenverbindungen angewöhnt haben, die einfach nicht funktionieren“. Auch Dr.Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat im Schreibmotorik Institut sieht die Probleme am Anfang der Schreibausbildung: “Schreibprobleme sind zumeist Probleme der Schreibmotorik. Deshalb sollte diese von Anfang an stärker in den Vordergrund gerückt werden.” Und das scheint ja auch sinnvoll zu sein. Denn wer im Unterricht nicht schnell genug mitschreiben kann oder sich nicht auf den Inhalt konzentrieren kann, der lernt natürlich insgesamt schlechter als seine MitschülerInnen. „Das ­ganze Lernen macht keinen Spaß, wenn das Schreiben zur Qual wird“, wie Frau ­Schulze Brüning es treffend zusammenfasst.

Um Ihr Kind beim Schreiben zu unterstützen, geben wir Ihnen 6 Tipps, wie Sie gemeinsam mit Ihrem Kind die Graphomotorik verbessern können.

 

 

Hinterlasse einen Kommentar