Die Welt der Worte - Wie unsere Kinder Schritt für Schritt das Sprechen lernen

Die Welt der Worte - Wie unsere Kinder Schritt für Schritt das Sprechen lernen

Sprache ist der Schlüssel zur Welt, sagte einst der Schriftsteller Wilhelm von Humboldt. Und obwohl jedes Kind die gleiche Reihenfolge beim Erlernen der Laute und der Grammatik durchläuft, ist die Sprachentwicklung bei jedem Kind so individuell wie sein Charakter. Wir zeigen, worauf es bei der Sprachentwicklung ankommt und wie Du Dein Kind gezielt dabei fördern kannst.

Die Entwicklung der Sprache - irgendwie gleich, aber doch individuell

Sprechentwicklung vs. Sprachentwicklung

Bei der Sprachförderung sind zwei Entwicklungen zu betrachten. Während sich die Sprechentwicklung auf die Bildung von Lauten, die Betonung der einzelnen Wörter und die Sprechgeschwindigkeit bezieht, wird bei der Sprachentwicklung neben dem Erwerb von grammatischen und lautlichen Regeln der Wortschatz und der Zusammenhang des Gesprochenen berücksichtigt. 

Beide Entwicklungen sind wichtig, um die sogenannte “kommunikative Kompetenz” zu trainieren, die übrigens neben all den sprachlichen Fähigkeiten auch die nicht-sprachlichen Fähigkeiten einschließt, wie etwa Gestik und Mimik.

Die Sprachwissenschaft unterscheidet bei den sprachlichen Fähigkeiten vier Ebenen, die beim Sprechen natürlich ineinander spielen, aber die auch einzeln betrachtet und aktiv gefördert werden können. Die phonetisch-phonologische Ebene bezieht sich auf die stimmliche Lautbildung und schließt sowohl die Betonung der einzelnen Laute als auch die Position der Laute im Wort mit ein.

Die semantisch-lexikalische Ebene beschäftigt sich mit dem Sprachverständnis und dem Wortschatz. Bei letzterem unterscheidet man zwischen einem aktiven und einem passiven Wortschatz. Während man als Muttersprachler im Erwachsenenalter bis zu 20.000 Wörter aktiv in Gebrauch hat, ist die Menge des passiven Wortschatzes, also der Wörter, die man zwar nicht aktiv gebraucht, aber passiv versteht, viel größer (bis zu 100.000 Wörter).

Die syntaktisch-morphologische Ebene bezeichnet die grammatikalische Fähigkeit, Sprachstrukturen zu erkennen und Regeln anzuwenden, wie es beispielsweise bei der Silben- oder Satzbildung der Fall ist.

Und die pragmatisch-kommunikative Ebene untersucht, wie die Sprache im Zwischenmenschlichen angewendet wird, d.h. wie etwas gesagt wird, und wie es dann letztendlich gemeint ist. Sie stellt beispielsweise die Beziehung zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten her, wie es bei einer Aussage mit einem Befehlston oder einem ironischen Unterton der Fall ist. 

Die Phasen der Sprachentwicklung

Alle Kinder eignen sich ihre sprachlichen Fähigkeiten aus eigenen Antrieb an. In welchem Alter das Kind aber zu sprechen beginnt, wann und wie schnell es seinen Wortschatz erweitert und zu welchem Zeitpunkt es dann seine ersten Sätze bildet, ist ganz unterschiedlich. Grob unterscheidet man folgende sechs Phasen der Sprachentwicklung:


Phase 1 (U4: 3.-4. Lebensmonat)

Nach der Geburt werden Laute erstmals nur durch ein Schreien ausgedrückt, das vor allem der Kommunikation der Grundbedürfnisse wie Essen, Nähe und Schlaf dient. Ab dem dritten Monat werden die ersten Sprechwerkzeuge wie Zunge, Gaumen und Lippen nun zusammen mit der Stimme ausprobiert und durch Vokallaute und erste Konsonantenbildungen ergänzt. Auch Kehllaute wie Gurren oder Quietschen kommen hinzu. Diese sogenannte Lallperiode ist international und wird von allen Kindern dieser Welt ausprobiert.


Phase 2 (U5: 3.-4. Lebensmonat)

Wir befinden uns immer noch in der Lallperiode, aber die Laute der eigenen nationalen Sprache werden nun gezielt nachgeahmt. Außerdem kommen Silbenbildungen (wie “ma”) hinzu und die Kinder fangen an, Faktoren wie Tonhöhe und Lautstärke eigenständig zu regulieren. 


Phase 3 (U6: 10.-12. Lebensmonat)

Durch die Bildung der ersten Doppelsilbungen kommt es zur Formung der ersten Worte (wie “ma-ma” oder “wau-wau”). Einwortsätze werden hier bereits gebildet und die Kinder reagieren auch gestisch auf Aktions- oder Gegenstandsbezeichnungen (wie “winke-winke” und “bye-bye”).


Phase 4 (U7: 21.-24. Lebensmonat)

In der vierten Phase können schon mehrere ein- und zweisilbige Dinge und Namen benannt werden (wie “Auto”, “Ball” oder “Papa”). Außerdem können Gegenständen aus Bildern bereits benannt werden (“Wo ist der Hase? - “Da.”).


Phase 5 (U8: 43.-48. Lebensmonat)

Ab dem dritten Lebensjahr wächst der Wortschatz rasant an (auf ca. 1.200 Wörter). Kurze Geschichten und Erlebnisse können wiedergegeben werden, Lieder und Reime werden gelernt und auch der Gebrauch von Nebensätzen ist hier bereits üblich. Die Lautbildungen sind in dieser Phase aber oft noch nicht abgeschlossen, sodass es üblicherweise noch zur Verwechslung von verschiedenen Anlauten kommt (z.B. T-K-Verwechslung wie in “Tinerdarten”).

Phase 6 (U9: 58.-64. Lebensmonat)

Sowohl die Form als auch di Struktur der Sprache sind nun ausgebildet und der Wortschatz auf ca. 2.100 Wörter angewachsen. Pragmatische Äußerungen wie Lob oder Kritik können geäußert werden und auch kompliziertere syntaktische Sprachstrukturen wie die Verwendung der verschiedenen Präpositionen und die Nutzung der unterschiedlichen Zeitformen sind hier bereits möglich.  

 

Und trotz dass alle Kinder diese Phasen in der gleichen Reihenfolge durchlaufen, ist das Tempo, mit dem unsere Kinder sprechen lernen, komplett unterschiedlich. Während bei manchen die Sprachentwicklung schon mit 4 Jahren abgeschlossen ist, können andere Kinder diesen Erfolg erst mit 5 Jahren verzeichnen. Wie Ihr Eurem Kind helfen könnt, das Sprechen zu erlernen, erfahrt ihr in unserem nächsten Artikel ”Unsere 6 Tipps zur Förderung der Sprachkompetenz.”

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